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Hinweise zu Segeltörns im Alboran-Meer vor der marokkanischen Mittelmeer-Küste

Allgemeine Information
Im Gegensatz zur marokkanischen Atlantik-Küste, speziell im Gegensatz zum seit den 70ern touristisch entwickelten Süden um Agadir, wird die marokkanische Mittelmeer-Küste im Alboran-Meer unter dem Gebirge des Rif erst seit der Jahrtausendwende für den Tourismus erschlossen.

Hintergrund dieser Verspätung ist der Umstand, dass die damals regierenden marokkanischen Könige aus historischen Gründen nur schlechte Beziehungen zu den Stämmen der Rif-Region pflegten und die Region sozusagen politisch vernachlässigt wurde.

Dem seit 1999 regierenden König Mohammed IV ist im Gegensatz zu seinen Vorfahren daran gelegen, die Rif-Region näher an Rabat zu binden. Seit seinem Amtsantritt wird kontinuierlich die Infrastruktur ausgebaut; neue Straßen führen entlang der Küsten und ins Landesinnere, die Stromversorgung wurde verbessert, der Tourismus gefördert. Es schießen Hotels und Apartment-Komplexe aus den Böden, Sporthäfen werden errichtet. Die größeren Städte des Rif scheinen in vielen Beziehungen in der Moderne angelangt zu sein.

Soziales
Diese Entwicklung darf nicht darüber hinweg täuschen, dass - gesamt gesehen - etwa ein Viertel der Bevölkerung Marokkos nicht alphabetisiert ist (Quelle: Wikipedia) und ein sehr hohes soziales Gefälle zwischen Stadt und Land besteht, wobei bei Zweiterem der Zugang zu Bildungsangeboten und Gesundheitssystem deutlich schlechter ist als in den Städten (Quelle: Deutsches Bundesministerium für soziale Zusammenarbeit). Dies führt zu Landflucht und dadurch zu einer Zunahme der städtischen sozialen Probleme.

Von den sozialen Schwierigkeiten sind Touristen kaum bis gar nicht betroffen. Nicht nur in den Städten, sondern auch auf den Haupt- und Nebenverbindungsstraßen sind Polizisten in unterschiedlichen Uniformen allgegenwärtig, ohne dass man sich als Tourist eingeschränkt fühlt; im Gegenteil, der gelegentliche Kontakt zur Polizei ist freundlich bis herzlich und nie bedrohlich. Der Aufenthalt in den Städten und auf den Überlandstraßen hinterlässt konstant sichere Eindrücke.

Der Kontakt zur Bevölkerung ist fast immer gepflegt freundlich und kann als subjektiv und objektiv sicher bezeichnet werden. Speziell in den touristisch erschlosseneren Gebieten kann es vorkommen, dass man sich von sogenannten faux guides, also "falschen Stadtführern", die ohne Lizenz arbeiten, bedrängt fühlt. Es ist zu empfehlen, sich in diesem Fall mit etwa einem Euro als "Trinkgeld" frei zu kaufen, wodurch man weitere Belästigung vermeidet und seine eigenen Nerven schont. 

Abschließend sei hier bemerkt, dass der soziale Unterschied zwischen europäischen Seglerinnen und Seglern zu den meisten Marokkanerinnen und Marokkanern derart hoch ist, dass Ersteren die Tragweite dieser Differenzen nicht bewusst ist. Es ist zu empfehlen, sich durch hochwertige Reiseliteratur, durch Beobachtung und durch Gespräche mit der lokalen Bevölkerung einen Eindruck der lokalen sozialen Gegebenheiten zu schaffen, wobei man dadurch auch seinen eigenen Status kritisch durchleuchten kann. Üblicherweise hat man als Marokkanerin oder Marokkaner eine schlechtere Schulbildung als in Europa üblich; man hat keinen Reisepass, keine Sozialversicherung und keine Gesundheitsversicherung. Europäerinnen und Europäer werden von den Einwohnern beim Erstkontakt als reich, doch ängstlich wahrgenommen und oft "von oben herab" und leicht abschätzig belächelt. Es empfiehlt sich, aufgeschlossen, freundlich und interessiert aufzutreten und wird dafür mit Respekt und glaubhafter Herzlichkeit belohnt.  

Allgemeine Informationen für Nautiker
Es gibt an der marokkanischen Mittelmeer-Küste mehrere Sportboot-Häfen und einige Fischerhäfen, die problemlos angelaufen werden können. Untiefen oder Riffe sind selten, europäische Wetterberichte für das Alboran-Meer sind zuverlässig.

Das Einklarieren und der damit verbundene Kontakt zu den Behörden ist problemlos und geschieht meistens ruhig, gepflegt und sehr freundlich, wenn auch etwas in die Länge gedehnt. Die Sportboot-Häfen selbst verfügen über übliche Infrastrukturen, erscheinen allerdings - aus europäischen Häfen kommend - teilweise etwas ungepflegt, woran man sich aber schnell gewöhnt. 

Die Hafenanlagen werden fast überall patrouilliert und sind daher größtenteils sicher vor jeder Art von Kriminalität. 

Ports of Entry und Einklarieren
Unseres Wissens kann an der marokkanischen Mittelmeerküste einklariert werden in der Marina Smir, in Al Hoceima, in Nador (Südteil des Hafens von Melilla) und in der Marina Saidia kurz vor der algerischen Grenze.

Je nach Hafen dauert das Prozedere unterschiedlich lang, aber die Schritte sind dieselben: mit den Reisepässen und den Schiffspapieren erledigt man die Personeneinreise: dazu ist pro Crewmitglied ein Formular auszufüllen, dessen Inhalt in meistens längerer Arbeit in zentral vernetzte Computer eingeben wird. Zusätzlich sind eventuell Zollformalitäten zu erledigen. Diese können sich beschränken auf eine reine Sichtkontrolle; oder aber es werden vom Zoll alle Schiffsdaten aufgenommen und ein Steuerformular ausgestellt, das man bei Ausreise wieder vorzeigen muss und das - in weiterer Folge - beim nächsten Besuch Marokkos vorgewiesen werden muss. Es ist möglich, aber selten, dass die Zollpolizei mit Polizeihunden an Bord kommt. In der Marina Smir, in Port Saidia und in Al Hoceima sind Hunde unüblich, im Hafen von Nador dagegen Standard. Allerdings lohnt es sich kaum, im Hafen von Nador festzumachen, weil man alternativ üblicherweise wenige hundert Meter nördlich im spanischen Melilla anlegt. 

Treibstoffe, Strom und Wasser
In den Marinas von Saidia und Marina Smir sollte es an den Stegen Wasser und Strom geben, allerdings nicht an allen Liegeplätzen. Ein Verlängerungskabel und ein Verlängerungsschlauch, eventuell ein eigenes Multimeter und diverse Stromadapter könnten das Problem lösen. In der Marina Smir bekommt man gegen Einsatz passende Adapter und bekommt den Einsatz problemlos auch wieder zurück.

In Al Hoceima gibt es kein Wasser, aber Strom, wenn man ein langes Verlängerungskabel mitführt und sich am Verteiler an der Außenmole, Position 35°14'43.0"N 3°55'20.6"W (Position 1:1 in Google Maps kopierbar, wähle die Satellitenansicht) anschließt.
In Nador gibt es unseres Wissens weder Wasser noch Strom. 
In Port Saidia gibt es Wasser, aber nicht an allen Liegeplätzen Strom. Vorsicht, manchmal stehen die Gehäuse der Stromsäulen am Liegeplatz unter Spannung und man bekommt beim Angreifen einen heftigen Schlag. 

Diesel ist manchmal, aber nicht immer, verfügbar in der Marina Smir. In Al Hoceima muss man mit Kanistern zur Tankstelle fahren. Von Nador und Port Saidia fehlen uns entsprechende Daten. 

Liegegebühren 
Die Kosten in den jeweiligen Häfen sind unterschiedlich. Nador und Al Hoceima sind günstig, Marina Smir und Saidia haben europäisches Preisniveau. Kreditkartenzahlung ist in Nador und Al Hoceima nicht vorgesehen, in der Marina Smir und in Port Saidia schon; dennoch klappt auch dort aus unterschiedlichen Gründen die Zahlung mit Kreditkarte meist nicht. Der Wechselkurs beim Bezahlen mit Euro ist sehr ungünstig, es empfiehlt sich, nach Möglichkeit in Dirham zu zahlen. 

Fischernetze
Vor den Häfen von Melilla und der Marina Smir, aber auch vor anderen, kleineren Häfen, werden von den Fischereiflotten, bestehend aus Booten zwischen etwa 8 und 15 Metern, nächtens Stellnetze ausgebracht. Die Länge dieser Netze beträgt teilweise mehrere Meilen. Die Netze haben meist einen parallelen Verlauf zur Küste und befinden sich in einem Abstand von etwas einer bis zu etwa fünf Meilen vom Ufer. Die Netze können untereinander versetzt in verschiedenen Abständen zur Küste ausgebracht sein.

Die Enden dieser Netze sind mit kleinen blinkenden, verschiedenfarbigen LED-Lichtern bestückt. Zwischen diesen Endpunkten sind die Netze, wenn überhaupt, nur an deren Schwimmleinen mit kleinen weißen Schwimmkörpern daran erkennbar, die die Verbindungsleine tragen, an der die Netze befestigt sind. 

Bei nächtlicher Fahrt im Küstenbereich Marokkos ist es essentiell, entsprechend Wahrschau zu halten. Die kleinen LED-Lampen sind schlecht identifizierbar, da sie sich nur minimal über der Wasseroberfläche befinden. Hat man entsprechende Blinklichter identifiziert, empfiehlt es sich, einen Ausguck an den Bug abzustellen, um bei langsamer Fahrt noch rechtzeitig die erwähnten unbeleuchteten weißen Schwimmkörper zwischen den Endpunkten des Stellnetzes zu identifizieren.

Üblicherweise wird man schon bei Annäherung ins Fischereigebiet von den arbeitenden Fischern gesehen. Befindet man sich auf Kollisionskurs mit einem der Netze, wird man meistens mit einem kräftigen Scheinwerfer angestrahlt. Nun ändert man den Kurs solange, bis der Scheinwerfer erlischt und man darf davon ausgehen, dass man sich auf ungefährlichem Kurs befindet, der parallel zum Netz und damit auch parallel zur Küste verläuft. Man sollte auf diesem Kurs eines der Enden des jeweiligen Netzes erreichen, um dieses zu umfahren und weiter auf die Küste zuhalten zu können. Allerdings ist damit zu rechnen, dass weitere Netze folgen, die gleiches Manöver erfordern.

Sitz man in einem der Netze fest, ist sofort der Gang in den Leerlauf auszukuppeln, um ein (weiteres) Verfangen des Netzes in der Schraube zu vermeiden. Danach ist die Lage zu sondieren, was nur mit einer kräftigen Taschenlampe möglich ist. Hat man Glück, so hat nur der Kiel im Netz gebremst; in diesem Fall kommt man mit Fahrt retour frei.

Sitzen Netz oder dessen Schwimmleine im Ruder fest, kann man das Malheur eventuell von der Badeplattform aus mit dem Bootshaken lösen. Helfen können vielleicht durch die Schwimmleine gezogene Sorgeleinen zum Hochheben des Netzes. Wenn nichts geht, hilft ein scharfes Messer, um die Schwimmleine und möglichst viel des darunter hängenden Netzes zu kappen. Auch nach dem Freikommen herrscht bei Rückwärtsfahrt Gefahr, dass sich Reste des Netzes in der Schraube verfangen. Daher ist vor dem Einlegen des Ganges die neue Lage sehr genau zu kontrollieren; eventuell ist es besser, nach vorne zu fahren.

Haben sich Netz oder Schwimmleine in der Schraube verfangen, sitzt man recht in der Patsche, aus der man möglicherweise nur mit wasserdichter Taschenlampe, scharfem Messer und mehreren Tauchgängen kommt. Dieses Manöver ist allerdings äußert gefährlich: das Risiko, sich nächtens unter dem Schiff im Netz zu verfangen, ist hoch und bei Eintreten eventuell tödlich. Möchte man dieses Risiko vermeiden, wäre es eine denkbare Strategie, sich trotz blockiertem Propeller zumindest vom Netz loszuschneiden, in Ufernähe zu segeln und dort unter Segeln zu ankern, um den Propeller bei Tageslicht zu klarieren. 

Es ist wahrscheinlich, dass sich während des Festsitzens das betroffene Fischerboot annähert und in Kontakt tritt. Die meisten Fischer sprechen neben Arabisch entweder Französisch oder Spanisch oder beides. Englisch wird so gut wie nie gesprochen. Vermutlich werden die Fischer mithelfen freizukommen, aber auch deren Möglichkeiten sind genauso begrenzt wie die der Yachtcrew. Zumindest unterstützen sie mit kräftigen Scheinwerfern. Es ist wahrscheinlich, dass die Fischer bei Freikommen Entschädigung für das zerstörte Netz verlangen. Normalerweise sollten mehrere Flaschen Rotwein ausreichen, um deren Wünsche zu befriedigen, eventuell kann man um die EUR 50 als Entschädigung für die Reparatur zahlen.

Die Fischer haben aus ihrer Perspektive ein Recht auf Entschädigung; andererseits kann man argumentieren, dass Netze speziell vor den größeren Häfen besser gekennzeichnet sein müssten. Man darf sich im Gespräch keinesfalls unter Druck setzen lassen. Im Streitfall ist es besser, die Daten auszutauschen und den Verhandlungsort auf die Polizeistation an Land zu verschieben, wobei zu vermuten ist, dass die Fischer dort nicht erscheinen werden.

Kontrollen auf See
Selten aber doch kommt es zu Kontrollen durch die marokkanische Küstenwache oder des marokkanischen Militärs. Es ist möglich, dass Polizisten oder Soldaten aufentern, um das Schiff zu kontrollieren.

Man ist normalerweise freundlich, aber unerfahren in der Überprüfung von Segelyachten. Unbedingt eigene Fender ausbringen. Eventuell in aller Ruhe eigene Anweisungen geben, wie das Festmachen und Aufentern zu geschehen haben, um Schäden am eigenen Schiff, speziell am Rumpf und an der Reling, zu vermeiden. 

Die Offiziellen werden vermutlich mit geschulterten Gewehren aufentern. Es ist ratsam zu bitten, die Gewehre in der Plicht liegen zu lassen, bevor die Träger derselben ins Innere steigen.

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die schlecht bezahlten Offiziellen um  ein Trinkgeld bitten. Dem Wunsch sollte freundlich, aber bestimmt nicht entgegen gekommen werden.

 

Hansjörg Winkler
Mallorca, den 30.5.2017

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